„Forschung dauert immer länger und kostet immer mehr als geplant“
A. und T. Strüngemann; Biontech-Investitoren
U.Bahnsen et al. Die Weltenretter, Die Zeit 14 (2020) 19-20
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Die gezielte wissenschaftliche Suche nach neuen Wirkstoffen, nach neuen galenischen Arzneimittelformen und neuen Anwendungsgebieten für be-stehende Arzneimittel sind die wichtigsten Felder der Pharmaforschung, um den aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen zu entsprechen:
– bestehende und neue Krankheiten lindern bzw. heilen
– demographischen Verschiebungen und psychosozialen Aspekten in der
Gesellschaft begegnen
– Epidemien und Pandemien bewältigen, wie auch zunehmende Resistenzen
gegenüber Wirkstoffen
– gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch den Klimawandel, Umwelt-
katastrophen sowie schleichende Kontaminationen und Emissionen
durch eine Vielzahl von synthetischen Stoffen entgegenwirken
Dabei müssen Wirkstoffe (Small Molecules und biochemische Makro-moleküle) für neue Arzneimittel in vorgeschriebenen präklinischen und klinischen Studien auf ihre Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit getestet werden, bevor sie von den Arzneimittelbehörden für die An-wendung zugelassen werden.
Dies verlangt ein hohes Maß an ethischer Verantwortung und die strikte Einhaltung der Guten Wissenschaftlichen Praxis.
Die Folgen einer Arzneimittelforschung mit erfolglosen oder schädlichen Konsequenzen (z.B. Rücknahme eines Medikaments wie im Contergan®-Fall) wären, neben möglichen Leiden der PatientInnen, hohe Kosten und ein Image-Verlust für das betreffende Unternehmen.
Quelle zum Contegan-Fall: K. Ruthenberg ; Über den vergeblichen Traum von einem völlig risikolosen und voll wirksamen Heilmittel: Thalidomid; Hyle-Internationale Zeitschrift für Philosophie der Chemie 22 (2016) 55-77.
Der Philosoph Tim Hennig nennt diese Kosten in einem anderen Zusammenhang Irrtumskosten. Er definiert diese als: je größer der mögliche Schaden eines Irrtums für Betroffene ist, desto stärker müssen die wissenschaftlichen Belege für eine betreffende These sein. Genau dies gilt als pharmaethische Forderung für die Erforschung von neuen Medikamenten und macht diesen Forschungszweig moralisch so bedeutend.
Quelle: T. Hennig, Wissenschaft und Moral; Suhrkamp 2024.
Die Verantwortung der Forschenden
Pharmaunternehmen haben eine große Verantwortung gegenüber den PatientInnen, aber auch gegenüber dem Ruf ihrer eigenen Firma und insgesamt gegenüber der Gesellschaft. Unter diesem Erfolgszwang können Unternehmen versuchen, die Forschung, die wissenschaftlichen Publi-kationen und die ärztliche Weiterbildung über ihre Produkte in ihrem Sinn zu beeinflussen. Dabei werden ForscherInnen unterstützt, welche die klinischen Studien durchführen und die klinischen Richtlinien erstellen. Die Unterstützung erfolgt mit Geld, aber kann auch durch Mithilfe beim Verfassen von wissenschaftlichen Publikationen erfolgen. Die ForscherInnen können dabei in Interessenkonflikte (Befangenheit) zwischen dem allgemeinen Wohle und dem persönlichen (z. B. finanziellen) Interesse kommen. Um die Transparenz zu erhöhen, müssen in biomedizinischen wissenschaftlichen Publikationen Interessenskonflikte angegeben werden.
Quelle: The Influence of the Pharmaceutical Industry; House of Commons Health Committee, Fourth Report of Session 2004–05, Volume I, 22. März 2005.
Fallbeispiel Alzheimer-Forschung
Die medikamentöse Therapie der Alzheimer-Krankheit steht seit Jahren neben den Krebstherapien im Fokus der Pharmaforschung.

Bild-Quelle aus: www.femexer.org/20894/enfermedad-de-alzheimer-de-inicio-precoz-autosomica-dominante/
Fälschungsskandal bei Alzheimer-Forschung
Ein mutmaßlicher Fall wissenschaftlichen Fehlverhaltens wurde in der Alzheimer-Forschung nachgewiesen. Ein renommierter Forscher steht unter Verdacht, über Jahre hinweg Hunderte von Daten gefälscht zu haben. Hier zeigt sich die Kehrseite des Phänomens, mit aller Macht zu schnellen Forschungsergebnissen zu kommen und sich dadurch wissenschaftliche Vorteile im Wettkampf gegen die Zeit zu verschaffen.
Quelle: T. Dingermann; Fälschungsskandal erschüttert die Szene, Pharm. Ztg. 169 (2023) 34-35.
Fallbeispiel Psychische Erkrankungen
Auf einem immer spannungsgeladenen Planeten Erde, mit Klimakatas-trophen, Kriegsgefahren und einer zunehmenden Verschiebung der realen Welt in digitale Sphären, nehmen psychische Erkrankungen zu. Damit werden aber auch z.B. vorübergehende depressive Episoden und Ängste oder Erschöpfungszustände der Menschen zu Krankheiten mit sozialer Anerkennung, quasi ein Normalzustand der heutigen Zeit.
Erforschung von Therapien gegen seltene Krankheiten (Orphan Drugs)
Etwa 1/3 der jährlichen Neueinführungen von Medikamenten sind Orphan Drugs, das sind Medikamente für seltene Krankheiten. Für die betroffenen Patienten ist dies eine große Hilfe, denn diese Erkrankungen sind oft chronisch und verkürzen die Lebenserwartung. Es gibt häufig keine kausalen Therapieansätze.
Quelle: D. Mackert; Wenn Seltenheit auf Wirksamkeit trifft; Pharm. Ztg. 168 (2023) 28-34
Positiv: Obwohl also die zu erwartenden Verkaufszahlen aufgrund der Seltenheit gering bleiben dürften und der Forschungsaufwand hin zur Therapie solcher komplexen Krankheitsverläufe hoch sein würde, nimmt die Pharmaindustrie hier einen wichtigen ethischen Auftrag an, nämlich auch an die Patienten zu denken, die bisher kaum Hilfe und Aufmerk-samkeit bekommen hätten. Dafür gibt es bei der Zulassung von Orphan Drugs regulatorische Vorteile (keine zeitlichen), oft eben auch durch die geringere statistische Sicherheit bei den Studien zur Zulassung.
Fazit: Trotz aller Bemühungen, nur für ungefähr 2% aller seltener Krankheiten sind Orphan Drugs zugelassen. Insofern muss es auch weiterhin ein Abwägen geben zwischen regulatorischen Besonderheiten, der Sicherheit für diese Patienten und einer sicheren Finanzierung.
Bringen neue Medikamente mehr als bewährte Arzneimittel?
Antwort von Jürgen Windeler, Arzt*:
„Von mehr als 700 geprüften neuen Medikamenten konnten wir nur 40% einen Zusatznutzen bescheinigen. Für 60% war also nicht belegt, dass sie besser sind als die Mittel, die schon vorher auf dem Markt waren.“ Dies alles natürlich mit der Prämisse, dass es viele echte Durchbrüche in der jüngeren Medizin gegeben hat, so „die Therapie von Hepatitis C … oder die neue Immuntherapie gegen schwarzen Hautkrebs.“
Und weiter: „Ich würde dafür sorgen, dass nur ausreichend erforschte neue Methoden und Medikamente ins System kommen. Der gegenwärtige Spagat, bei dem sofort jede Erneuerung verfügbar sein muss, aber noch große Wissenslücken bestehen, die erst durch weitere Forschung geschlossen werden müssen, funktioniert einfach nicht.“
Quelle: J. Windeler; Interview in: Die Zeit 14 (2023) 38.
*Jürgen Windeler ist habilitierter Arzt und war bis 2023 der Leiter des Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG.
Ethische Fragestellung zur dieser Diskussion:
Sprung- und Schrittinnovation in der Pharmaforschung
Wirkstoffe, die ohne Orientierung an bereits bekannten Wirkstoffen entwickelt wurden und somit neue Therapieoptionen bieten, nennt man Sprunginnovationen. Dagegen zeigen Schrittinnovationen graduelle Verbesserung eines Medikaments, z.B. verbesserte Wirksamkeit und/oder Verträglichkeit (sogenannte „Me too-Medikamente“).
Interviewfragen zum Thema: Medizinforschung und Ressourcen
an Prof. Dr. Stephan Schilling, Biochemiker und Leiter der Außen-stelle Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung in Halle am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (gekürzt)

Bildquelle: izi.fraunhofer.de
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- Woran forschen Sie derzeit? Was ist Ihre Motivation für diese Forschung?
Unsere derzeitige Forschung widmet sich hauptsächlich den frühen Phasen der Wirkstoffentwicklung im Bereich der Infektionspathologie sowie Proteinfehlfaltungserkrankungen wie der Alzheimer-Krankheit, der Parkinson-Krankheit und der systemischen Amyloidosen. Meine Motivation ist es, Krank-heitsmechanismen zu entschlüsseln und darauf aufbauend neue Wege zu suchen, diese Erkrankungen zu behandeln. Ziel ist also immer eine Anwendung der Erkenntnisse und der Wunsch, therapeutische Strategien „entworfen“ zu haben, die am Ende auch wirklich markttauglich sind.
- Medizinische Forschung ist ressourcenintensiv und risikobehaftet. Woher kommen (grob in %) die finanziellen Mittel für die Arbeiten an Ihrem Institut?
Hier besteht bei Fraunhofer-Instituten immer ein „Finanzierungsmix“ aus öffentlichen Projektmitteln und Industrieaufträgen. Derzeit decken wir ca. 1/3 der Haushaltsmittel aus direkten Industrieeinnahmen. Die verbleibenden 2/3 der finanziellen Mittel sind vor allem Projektmittel verschiedener Fördermittelgeber (Land Sachsen-Anhalt, BMFTR, BMWi) sowie Mittel aus dem Grundhaushalt der Fraunhofer-Gesellschaft.

Außenstelle Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung in Halle
- Wie ist Ihre Meinung: Die Suche nach Sprunginnovationen in der Pharmaforschung ist notwendig, weil es für viele Krankheiten keine hinreichenden Therapien gibt und zudem neue Krankheiten die Forschung herausfordern. Dies ist jedoch mit einem enormen Ressourcenbedarf verbunden, zudem sind die Kosten für die Anwendungen teilweise sehr hoch (Gen- und Zelltherapien) und fordern die Solidargemeinschaft heraus. Es besteht die Gefahr, dass damit der Rahmen der gesellschaftlichen Ressourcen gesprengt wird und eine Verschiebung zu Ungunsten einer ganzheit-lichen Gesundheitsversorgung (zur Behandlung aller anderen bestehenden Krankheiten) entstehen könnte?
An sich besteht in unserem System der Pharmaentwicklung eine Aufgabenverteilung: Die Pharmaunternehmen tragen das Risiko für neue Entwicklungen und die Solidargemeinschaft bezahlt am Ende, wenn diese Entwicklungen am Markt ankommen. Die Hürden sind jedoch nicht niedrig: Selbst, wenn ein Medikament wirkt, wird immer hinterfragt, ob die Wirkung den gängigen zugelassenen Behandlungen überlegen ist. Wenn nicht (ein ganz aktuelles Beispiel ist der Antikörper Leqembi®), wird der Erstattungsbetrag durch die Krankenkassen herabgesetzt. Dies verhindert bereits – meines Erachtens recht effizient – eine zu hohe Belastung für die Sozialkassen. Das ist ein wichtiger Regulierungsprozess, da die Unter-nehmen so immer nur Medikationen entwickeln, die letztlich am Markt auch Einnahmen erzielen können. Nach Auslaufen des Patentschutzes für neue Therapien werden die meisten Medikamente zusätzlich als Generika vertrieben, was wiederum die Kosten der Behandlung senkt.
Trotzdem besteht natürlich die Gefahr, dass insbesondere die Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMPs) eine Belastung für das Gesundheitssystem darstellen können. Ethisch halte ich es aber für kaum vertretbar, ein Medikament rein aus Kostengründen nicht zu entwickeln. Gerade bei den meisten ATMPs wird das deutlich, da zumeist lebensbedrohliche Er-krankungen Ziel der Therapie sind und auch kleine Patientengruppen („Orphan diseases“) betroffen sind.
Hier ist auch aus meiner ganz persönlichen Sicht anzumerken, dass die derzeitigen Mechanismen der in Frage stehenden ganzheitlichen Gesundheitsversorgung durchaus Einsparpotential bieten könnten: Die Deutschen sind weltweit unter den Top 5 bei der Anzahl von Arztbesuchen (https://de.statista.com/infografik/22308/anzahl-von-arztbesuchen-pro-person-und-jahr/) und wir leisten uns ein umfangreiches Rehabilitationsprogramm für Senioren nach Operationen, häufig mit stationärem Aufenthalt. Eine Neubewertung dieser Maß-nahmen könnte dazu beitragen, den Kostendruck insgesamt zu senken bzw. umzuverteilen.
- Und nochmal speziell für eine Alzheimer-Therapie: Ist die Einführung neuer Antikörper* angesichts des oft relativ geringen Anteils von Therapieerfolgen bzw. der engen diagnostischen Begleitung dieser Therapien ökonomisch und ethisch tragbar
(im Sinne von Frage 3)?
Das ist ein sehr aktuelles Beispiel: Der Antikörper Leqembi® (Kisunla®* wird das in naher Zukunft wahrscheinlich auch betreffen) ist zwar zugelassen, aber der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat im Februar festgestellt, dass diese Therapie den herkömmlichen nicht überlegen ist. Das hat Auswirkungen: Das Pharmaunternehmen muss nun das Medikament zu niedrigeren Preisen (Verhandlungssache) anbieten oder im Zweifel vom Markt nehmen. Wir sehen also, dass bei einigen Medikamenten durchaus eine Möglichkeit besteht, die Preisgestaltung und somit die Kosten für die Sozialsysteme zu gestalten.
Es laufen aber derzeit Studien, in denen diese Antikörper Probranden im prodromalen Stadium der Alzheimer-Krankheit appliziert werden. Es bleibt abzuwarten, ob der G-BA in diesen Fällen zu einer ähnlichen Ein-schätzung kommt.
*Zum Beispiel: der Antikörper Donanemab (Kisunla® der Fa. Lilly) darf nur verordnet werden, wenn Ärzte mit Erfahrungen in Diagnose und Therapie von Alzheimer sowie ein zeitnaher Zugang zu MRT-Untersuchungen vorhanden sind. Nur ca. 1% der Erkrankten ziehen aus dieser Therapie einen eindeutigen Nutzen.
Quelle: D. Hüttemann, Pharm. Ztg. 170 (2025) 18.
- KI kann helfen, z.B. schneller neue Wirkstoffe zu entdecken. Die aus Algorithmen gewonnenen Strukturvorschläge müssten dann hergestellt und in Studien zur Zulassung gebracht werden. Auch das verstärkt ja zunächst den Kostendruck, es sei denn, jeder KI-Treffer wäre dann ein Zulassungserfolg. Wie sind hier Ihre Erwartungen?
Das ist ein derzeit sehr stark umworbenes Feld, in dem sich Pharma-unternehmen und Softwareunternehmen gleichermaßen betätigen. Grundsätzlich würde ich, wie in der Frage bereits angeklungen, eine deutlich beschleunigte Entdeckung neuer Moleküle erwarten. Auch erscheint mir eine noch verlässlichere Vorhersage einer möglichen Toxizität von Entwicklungssubstanzen nicht abwegig. Grundsätzlich wäre das sehr zu begrüßen, da die z.T. enormen Entwicklungszeiten neuer Wirkstoffe deutlich verkürzt werden können. Eine bessere Fokussierung und dadurch gezieltere Prüfung von „Hit“- und „Lead“-Substanzen sollte sich auf die Entwicklungskosten positiv auswirken. Die wesentlichen Kostentreiber sind aber die klinischen Prüfstudien, die wohl bis auf sehr lange Zeit noch notwendig sein werden.“
Quelle: Unveröffentlichtes Interview mit Stephan Schilling (03/2026)
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Philosophisches zum Thema Ressourcen von Otfried Höffe (Philosoph aus Tübingen)
Wer philosophisch in das Thema Ressourcen in der Medizin „eintauchen“ möchte, dem empfehlen wir Otfried Höffe´s Aufsatz:
Quelle: O. Höffe; Aus philosophischer Sicht – Medizin in Zeiten knapper Ressourcen oder: Besonnenheit statt Pleonexie, Dt Ärztebl. 1998; 95: A-202-205.
Personalisierte Medizin, Gendermedizin und Gerechtigkeit
Die personalisierte Medizin erfasst die biologischen und Lebensstilfaktoren des Einzelnen und leitet hieraus den Weg zu maßgeschneiderten Therapien ab. Dabei sollten zukünftig beide biologische Geschlechter stärker in den klinischen Studien betrachtet werden, genauso wie Altersunterschiede oder Unterschiede der einzelnen Ethnien.
Gerade in der USA werden heute (Stand April 2025) diesbezüglich viele Forschungsprojekte durch die Trump-Regierung abrupt beendet. Die Folgen sind unabsehbar, Forschungsdaten verschwinden aus staatlichen Datenbanken, auch eine gezielte Fälschung von Daten sind nicht ausgeschlossen. Dies hätte nachhaltige Auswirkungen auf zukünftige Generationen.
Quelle: N. Kilian, Gleichberechtigung? Sofort löschen! Die Zeit 10 (2025) 35.
Beispiele: Von ACE-Hemmern induzierte Nebenwirkungen wie Reizhusten sind häufiger bei Frauen anzutreffen. Auch Antiarrhythmika-induzierte Nebenwirkungen sind eindeutig bei Frauen öfter präsent als bei Männern. Arzneimittel, die zu einer Verlängerung der QT-Zeit führen, resultieren bei Frauen häufiger als bei Männern in malignen Arrhythmien.
Zu den die QT-Zeit verlängernden Substanzen gehören neben vielen Antiarrhythmika auch gastrointestinal wirksame Arzneimittel, Antibiotika, Antimalariamittel, Opioid-Antagonisten, Antiinfektiva und Antipsychotika. Überraschend war die Feststellung, dass auch Aspirin bei beiden Geschlechtern unterschiedlich wirkt. Es reduziert die Zahl der ersten Myokardinfarkte bei Männern und die Zahl der ersten Schlaganfälle bei Frauen.
Insgesamt sind Arzneimittelnebenwirkungen bei Frauen etwa 1,5-mal häufiger als bei Männern. Die Briten haben dies anhand einer Studie an mehr als 500 000 Frauen und Männern belegt. Möglicherweise ist das unterschwellige Wissen um häufigere Arzneimittelnebenwirkungen bei Frauen einer der Gründe dafür, dass Frauen in Deutschland bei gleicher Diagnose, Risikokonstellation und Alter in Bezug auf koronare Herzerkrankungen und Hypertonie deutlich weniger intensiv behandelt werden als Männer.
Quelle: V. Regitz-Zagrosek; Arzneimitteltherapie: Mehr Rücksicht auf das Geschlecht; Dt. Ärzteblatt 36/2010 https://www.aerzteblatt.de/archiv/arzneimitteltherapie-mehr-ruecksicht-auf-das-geschlecht-f136ab46-187f-4a54-8b1d-0961768ba381
Aktuell zur Gendermedizin: L. Rudolph, Schmerzen von Frauen ernst nehmen; Pharm. Ztg. 22, 2026,16-18.
Tierversuche zur Erforschung und Erprobung von Wirkstoffen und Medikamenten
Kann ein oft qualvoller Einsatz von Tieren zu Zwecken der Arzneimittel-Entwicklung gerechtfertigt werden, damit wir Menschen bedenkenlos chemische Wirkstoffe zur Linderung unseres gesundheitlichen Leids einnehmen können? Dieses ethische Dilemma wird immer wieder thematisiert. Die Tabelle fasst Pro/Contra-Argumente, unterteilt in ethische Begründungsmuster zusammen.

Pro und Contra von Tierversuchen im Kontext tierethischer Abwägung eines moralischen Dilemmas
Aufgabe: In der Tabelle sind etische Begründungsmuster für ein Pro bzw. Contra von Tierversuchen aufgezählt, versuchen Sie selbstständig die jeweiligen Argumente nach zu vollziehen.
Die folgenden Zahlen bestätigen eine kritische Sicht auf Tierversuche:
Mehr als die Hälfte der Tiere, die pro Jahr für die Forschung gezüchtet werden, eignen sich nicht für Experimente und werden ohne Sinn getötet: 3,3 Mill. Mäuse, 530.000 Zebrafische, 15.200 Schweine, 14.000 Ratten, 14.000 Kaninchen, 14.000 Mongolische Rennmäuse.
Quelle: H. Feldwisch-Drentrup, Aussortiert Die Zeit 19 (2022).
Meinung von Tamara Zieteck, Geschäftsführerin von „Ärzte gegen Tierversuche“
„Aus meiner Sicht sind Tierversuche überflüssig, weil sie unzuverlässige Ergebnisse bringen und es mittlerweile genügend tierversuchsfreie Methoden gibt, die eine bessere Vorhersage haben…
Aspirin würde es heute nicht geben, wenn man es an Tierversuchen getestet hätte, weil es bei vielen der getesteten Tierspezies Missbildungen hervorruft. Anderseits wurde der Contergan®-Wirkstoff in Tierversuchen als sicher eingestuft, und beim Menschen verursachte er schlimmste Missbildungen. Ratten vertragen 300mal mehr Asbest als der Mensch. Am Ende ist jeder Tierversuch nur eine künstliche Behelfskonstruktion mit sehr limitierter Aussagekraft.“
Quelle: Sind Tierversuche vertretbar; Interview u.a. mit T. Zietek, Die Zeit 17 (2025) 11.
Kommentar von Thomas Hartung, Pharmakologe u.a. an den Universitäten Washington, D.C., Baltimore und Konstanz zu:
Tierversuche sind nicht unverzichtbar.
„Rund 95% der Medikamente, die bei Tieren funktionieren, schaffen es nach der Prüfung am Patienten nicht auf dem Markt.“
Quelle: T. Hartung, Kommentar in: Die Zeit 21 (2025) 35.
Das offene Ansprechen („moralisches Bauchgefühl“) des ethischen Dilemmas hat den Erfolg, dass zunehmend Abwägungsprozesse nach Nutzen-Risiko-Faktoren stattfinden und neue Technologien als Ersatz für Tierversuche in den letzten Jahren entwickelt worden sind, um das Tierleid so weit wie möglich einzuschränken.
Und natürlich gibt es unzählige positive Beispiele, die zeigen, dass uns erst durch Tierversuche die Wirkungen und Nebenwirkungen von Arznei-stoffen bekannt werden konnte. Somit sind Tierversuche bis heute, trotz Fortschritten in den Ersatztechnologien, tierethischen Fortschritten und der Reduktion von Versuchen, noch immer unverzichtbar.
Ethisch gilt: Ein Eingriff in das Wohlbefinden von Tieren ist umso strenger zu beurteilen, je gravierender er für die betroffenen Tiere ist und je belangloser oder doch verzichtbarer für den Menschen.
Umgekehrt sollte aber auch gelten, dass ein Eingriff umso eher zu tolerieren ist, je geringfügiger er für die betroffenen Tiere und je notwendiger er im Interesse anderen Lebens ist.

Es ist möglich, Tiere in Würde zu halten ohne Platzmangel und medikamentöser Prophylaxe. Dies sollte auch bei notwendigen Tierversuchen eingehalten werden.
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Fortschritt mit Schwerpunkt Biotechnologie
Die Biotechnologie ist ein Haupttreiber von Wirkstoffinnovation und Wirkstoffproduktion.
Durch das kontinuierlich steigende Wissen über krank machende Vorgänge im Körper können bessere Therapien entwickelt werden, die gezielt auf die Gründe wirken, welche Krankheiten verursachen.
Quelle: VDI-Handlungsempfehlung Wir gestalten Zukunft; Biotechnologie-Innovationen für Mensch und Umwelt; Mai 2024
Patentierung von Produkten und Gerechtigkeit
Die Patentierung von Arzneimitteln als schutzrechtliches System ist ökonomisch für die Entwicklerfirmen notwendig, kann deren freie Nutzung insbesondere für kranke PatientInnen in ärmeren Ländern einschränken und für langsamere Verfügbarkeiten sorgen. Hier stehen wirtschaftliche Interessen im Gegensatz zur gerechten Verteilung von Medikamenten, insbesondere global betrachtet.
Zudem könnten diese wirtschaftlichen Interessen und Zwänge und auch zur Vernachlässigung oder Verzögerung von Forschungsprojekten führen, deren Inhalte die Bekämpfung von Krankheiten in bestimmten Entwicklungsländern sein können (in Afrika, Teilen Asiens und in Lateinamerika). Denn diese Länder verfügen über nur geringes Gewinn-potential.
Quelle: J. Mehlich et al., Die ethische und soziale Dimension der Chemie; Chem. Eur. J., 23 (2017) 1210-18.
Fallbeispiel Covid-19-Impfstoff
Zum Abschluss noch ein Dilemma: Welches medizinische Wissen hilft und wann ist Nichtwissen besser?
Immer mehr klinische Tests werden entwickelt, um Krankheitsbilder frühzeitig vorauszusagen. Der Vorteil: eine frühe Erkennung würde medizinische Therapiemaßnahmen erleichtern, die Krankheit lindern, bevor sie brachial ausbricht. Es könnten Vorsichtsmaßnahmen einleitet werden, um den Ausbruch der Krankheit möglicherweise über Jahre zu verschieben und somit gut vorbereitet zu sein.
Aber, so gibt G. Maio, Medizinethiker aus Freiburg zu bedenken: „Wir glauben, medizinische Informationen sind per se positiv. Aber Sie können uns auch belasten“. Vorhersagen zu genetischen Krankheiten, gerade bei Kindern, bedürfen einer ausführlichen Aufklärung und Abwägung. Den mögliches seelisches Leid und Übervorsicht können eine gute Entwicklung des Kindes auch beeinflussen.
Ein Druck seitens der Hersteller von Medikamenten, die im Falle eines positiven Tests mit einer Therapie zur Verfügung stünden, ist dagegen wenig fürsorglich. Hier scheinen vodergründig ökonomische Interessen der Hersteller über den Interessen und psychischen Leid von PatientInnen zu stehen.
Quelle: H. Grabbe, M. Spiewak; Dein Sohn wird krank. Nur wann? Die Zeit 30 (2025) 28-29.
Fallbeispiel: Wirkstoff Teplizumab zur Herauszögerung einer Diabetis-Erkrankung vom Typ 1
Teplizumab (Fa. Sanofi) ist der erste zugelassene Wirkstoff, der den Aus-bruch von Typ-1-Diabetes bei Risikopatienten im Frühstadium um durch-schnittlich ein bis zwei Jahre hinauszögern kann. Der monoklonale Antikörper greift in den Autoimmunprozess ein und schont die Insulin-produzierenden Zellen. Die Kosten für die 14-tägige Therapie sind sehr hoch und liegen in den USA bei fast 200.000 US-Dollar für das reine Medikament. In Deutschland müssen die genauen Kosten und die Kostenübernahme durch die Krankenkassen individuell geprüft werden.
Ein flächendeckendes Screening käme dem Unternehmen zu Gute. Aber es gibt ein weiteres grundlegendes Problem vieler Früherkennungs-programme: meist profitieren die bildungsnahen Schichten mit höherer Gesundheitskompetenz von diesen neuen Entwicklungen.
Quelle: H. Grabbe, M. Spiewak; Dein Sohn wird krank. Nur wann? Die Zeit 30 (2025) 28-29.