Pharmaethik – Noch nie gehört?
„Die Ware ist von besonderer Art, das Umfeld ist hochkomplex, schwer durchschaubar sowie stark gesetzlich und behördlich reguliert, das Spektrum der Einschätzungen reicht von Glorifizierung bis zur Verdammung. Die Rede ist von Arzneimitteln. Hergestellt, …um zu lindern, vorzubeugen oder zu heilen, kann es sowohl helfen als auch schaden.“
Quelle: W. Wagner; Arzneimittel und Verantwortung; Springer Verlag 1993.

B. Rugar, Crystallographic models
„Arzneimittel sind für erkrankte Menschen oft unverzichtbare, häufig lebensrettende Güter“ sagt Thomas Müller aus dem Bundesministerium für Gesundheit, Berlin. Die Bedeutung dieser Güter und die Verantwortung, die mit der Erforschung, Herstellung und Vermarktung verbunden ist, macht eine spezielle Betrachtung dieses Industriezweiges notwendig.
Pharmaethik ist somit eine eigene Bereichsethik, die das ethische Handeln der GeschäftsführerInnen und ihrer Beschäftigten in der Pharmaindustrie bzw. das der WissenschaftlerInnen in der Pharmaforschung reflektiert. Wie sollen wir handeln, um allen Beteiligten so gut wie möglich gerecht zu werden, um Medikamente zu entwickeln, lindern und heilen zu können ohne zu schaden?
Man könnte es so einordnen: Pharmaethik ist eine Schnittmenge der Bereiche Bioethik, Medizinethik und Wirtschaftsethik. Und eigentlich auch der Ingenieurethik.
Warum gibt man der Ethik in der Pharmaforschung und Pharma-industrie nochmals diese besondere Bedeutung?

Pharmatechnik: Komplexe technische Prozesse, um optimale Dareichungs-
formen mit hoher Qualität herzustellen (Bild: M. Röttig, HSA)
Es gibt nur eine Wissenschaft Ethik, aber wie bei jeder Bereichsethik müssen Bedingungen vorliegen, die ganz spezifisch für eine Teildisziplin oder eine Branche gelten. Bereichsethiken untersuchen also konkrete moralische Fragen und Kontroversen systematisch auf ihren argumentativen Kern hin im Kontext des jeweiligen Bereiches:
- Der gegebene Sachbereich muss eine deskriptiv qualitativ eigene Klasse von Handlungen umfassen (eigenständigen Handlungsbereich).
- Diese Klasse von Handlungen muss zugleich auch normativ eigenständige Probleme aufweisen (normative Probleme eigener Art).
Quelle: M. Synofzik, G. Marckmann; Neuroethik-eine neue Bereichsethik; in: Information Philosophie; www.information-philosophie.de/philosophie/neuroethik1.html (2005).
Warum aber sollte man diese Aufteilung tun?
Die Ausbildung hin zu einem Handelnden der Pharmaindustrie, sei es als ChemikerIn oder IngenieurIn für Pharmatechnik oder Biotechnologie, ist sehr stark MINT* geprägt, fachspezifisch fokussiert und oft sehr akademisch gelehrt. Die Handlungen in der Praxis dagegen sind zwar auch durch definierte Vorschriften, Standards und Algorithmen vorgegeben, jedoch oft auch durch offene Handlungsspielräume und Konfrontationen gekennzeichnet, die in einer reinen akademischen Welt nicht vorkommen. Die Frage nach einem moralischen Handeln ist also nur im Kontext der konkreten Handlungssituation zu beantworten (zu diskutieren) und dies sollte durch eine Bereichsethik Pharmaethik leichter möglich sein.
* MINT…Abk. für Marthematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik
Philosophisches von Günther Anders
Der Philosoph Günther Anders beschreibt in seinem Aufsatz Der Mann auf der Brücke das Phänomen der Verkleinerung des uns Fremden als: „Nichts ist uns heute z.B. selbstverständlicher als die Tatsache, dass wir von tausend uns unverständlichen Geräten, Berufen, Formeln umgeben sind; nichts beruhigt uns so vollständig wie das in fremden Experten-Idiom Präsentierte. So flößen uns z.B. die auf Pillenschachteln aufgedruckten chemischen Formeln** gerade deshalb Vertrauen ein, weil sie zu dem uns unverständlichen (aber eben Vertrauen erweckenden) Gebiet Wissenschaft gehören. Das Fremde ist also ein Teil der vertrauten Welt: wir manipulieren und verwenden es ohne Misstrauen.“
** Dass die Wirkstoff-Formeln auf den Medikamentenpackungen abgedruckt waren, ist längst nicht mehr der Fall. Aber schon der Wirkstoffname, häufig auch der Handelsname, gibt oft genug Veranlassung des von G. Anders beschriebenen Unverständlichen, aber auch Vertrauen einflößenden.
Quelle: G. Anders: Der Mann auf der Brücke-Tagebuch aus Hiroshima und Nagasak, Becki 1958