
Die Pharmaindustrie ist mitverantwortlich für die gesundheitliche Lebens-qualität unserer Gesellschaft, indem die Handelnden dieser Branche hochwirksame und reine Arzneimittel entwickeln, herstellen und in den Handel bringen. Sie entscheiden, wie keine andere Wirtschaftsbranche, mit über Leben und Tod, über Gesundung und Chronifizierung einer Krank-heit, über Hoffnung und Elend. Damit prägen sie unsere Persönlichkeit zu Teilen mit, nämlich, ob wir aktiv und positiv sind oder passiv und ver-harrend bleiben, und es uns an einer nötigen gesellschaftlichen Teilhabe hindert.
Die Handelnden der Pharmaindustrie haben folgende ethische Verpflicht-ungen, und zwar nicht aus moralischen oder theologischen Gesetzen und Vorschriften heraus, sondern aus guten Gründen:
1. Pharmaka nur zum therapeutischen Nutzen herstellen, niemals zu Dual Use Zwecken: Niemals jemanden schaden, sondern fürsorglich sein. Sein erworbenes Wissen nie missbräuchlich zur Verfügung stellen.
2. Gewährleistung eines gerechter Zugangs zu allen Medikamenten für alle und eine faire Preispolitik (Gerechtigkeit); Abwägung aller Ressourcen, insbesondere der gesundheitlichen Grundversorgung Aller und des Nutzenzugewinns einiger Weniger, deren Leben sich durch kostenintensive Medikamente erst erhalten lässt
3. Versorgungssicherheit aller Therapeutika (Fürsorge, Verantwortung); d.h. unabhängige Lieferwege und Produktionsstätten in Europa forcieren
4. Uneingeschränkte Informationspflicht gegenüber den Patienten (Autonomie des Patienten, Aufklärung über Dual Effects, Transparenz)
5. Forschung: Nicht aus Eigennutz, Signifikanz der Wirkung unabhängig feststellen (wissenschaftliche Evidenz); Tierversuche minimieren (Tierethik), Einsatz moderner Technologie zur Kostensenkung (KI)
6. Den Lebenszyklus Arzneimittel von der Herstellung bis zur Mineralisierung begleiten (Verantwortung, Umweltethik, Nachhaltigkeit)
Vom guten Leben

Der Mensch sollte aus der Natur schöpfen, nicht die Natur benutzen als ein erworbenes und generisches Eigentum seiner Konsumfreiheit
Der Sinn des Lebens, darauf wollen wir am Ende unserer Pharmaethik-Plattform eingehen. Denn jeder von uns möchte ein gutes Leben haben. Die Handelnden in der Pharmaforschung, Entwicklung und Industrie sollten sich bewusst sein, dass ihre Arbeit vielen Menschen zu einem guten Leben verhelfen können, und ihnen selbst damit auch. Denn:
„Die Voraussetzung eines guten Lebens ist das Überleben. [Hierbei] hat innerhalb der geschichtlichen Entwicklung eine […] Problemverschiebung stattgefunden: Sahen die neuzeitlichen Philosophen in der Selbsterhaltung das oberste Ziel, steht im modernen Kapitalismus die Produktivität und ihre Steigerung an erster Stelle. Die Produktion, also Arbeit und Technik, ist eigentlich ein Mittel der Selbsterhaltung. Man könnte damit von einer Umkehrung der antiken Wertehierarchie in der Moderne sprechen. Ehemals galt: Ziel ist das gute Leben, Voraussetzung das Überleben, Mittel des Überlebens ist die Produktion. Im Kapitalismus gilt für gewöhnlich: Ziel ist eine Steigerung der Produktion – und das auf Kosten sowohl des guten Lebens als auch des Überlebens. Die am kapitalistischen Wachstumsprinzip orientierten Gesellschaften haben auf die (globale) Lebenserhaltung bislang oft gerade keine Rücksicht genommen. Signifikantestes Beispiel hierfür ist die Klimakrise, in der sich zeigt, wie die entgrenzte Produktion unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstört.“
Quelle: T. Schouwink; Philosophisches Magazin, 02. November 2020.
Daher ist der One-Health-Ansatz so wichtig für unser zukünftiges Leben: das Überwinden eines Anthropozentrismus hin zu wechsel-seitigen Interaktionen zwischen der Gesundheit der Menschen, der Gesundheit und den freien Lebensräumen für Tiere und einer ge-schützen und wertgeschätzen Natur, die nicht allein für ihre Aus-beutung zur Verfügung steht.
Gewisse Dilemmata in der Pharmabranche werden sich nicht vollständig auflösen lassen, aber alle Handelnden sollten dazu beitragen, die Wider-sprüche abzubauen und nach gerechten und nachhaltigen Lösungen zu streben. Dabei kann jedes Mitglied der Gesellschaft helfen, nämlich bei der Vermeidung von Risiko-Faktoren, die oft mit verantwortlich sind für Krankheiten. Neben der individuellen Lebensführung ist dies jedoch eine zunehmend gesellschaftliche Aufgabe. Denn Wachstums-Druck, permanenter Stress, Lärm oder Emissionen, zunehmende Existenzängste und komplexe und digitale Welten der Dienstleister machen Menschen mürbe, psychisch krank und auch physisch weniger belastbar.
Das können (nur) wir Menschen ändern, indem wir uns fragen:
Wie möchten wir zukünftig gut leben?