Transparenz in der Pharmabranche und Aufbau einer Vertrauenskultur
Mit dem Transparenzkodex der European Federation of Pharmaceutical Industries and Association (EFPIA) hat sich die pharmazeutische Industrie in ganz Europa freiwillig zur Offenlegung von geldwerten Leistungen an Angehörige der Gesundheitsberufe und Organisationen des Gesundheitswesens verpflichtet.
Eine bestmögliche klinische Versorgung erfordert das Wissen, die Erfahrung und die Zusammenarbeit von zahlreichen Fachgruppen wie Ärzten, klinischen Forschern, Pflegepersonal, medizinischtechnisches Fachpersonal, Apothekern, Herstellern neuer Medikamente und medizinischer Technologien. Aus dieser fachlichen Zusammenarbeit der Experten ergeben sich entscheidende Vorteile:
- Der Zugang zu neuen wirksamen Arzneimitteln wird ermöglicht.
- Durch wissenschaftliche Fort- und Weiterbildung wird sichergestellt, dass die Medikamente richtig angewendet werden.
- Erfahrungen aus der Praxis tragen zur laufenden Verbesserung von Therapien bei bzw. schaffen Erkenntnisse über bisher noch ungelöste Gesundheitsprobleme.
Ziel dieser Transparenzinitiative ist es, das Vertrauen der Patienten und der Öffentlichkeit in das Gesundheitswesen weiter zu stärken und ein besseres Verständnis für die wichtige und notwendige Zusammenarbeit zwischen den Angehörigen der Fachkreise sowie den Gesundheitseinrichtungen und der pharmazeutischen Industrie zu fördern. Letztendlich kommt diese Zusammenarbeit vor allem Patienten zugute, die von der Verbesserung der Patientenversorgung, den Fortschritten in der klinischen Praxis und der Entwicklung neuer Therapien profitieren.
Quelle: https://www.lilly.com/de/berichte/transparenzkodex
Vertrauenskultur in der Pharmabranche
Es werden vier Säulen der Vertrauenskultur als Basis des ethischen Handelns in der Pharmaindustrie genannt.

Quelle: FSA-Kodex zur Transparenz bei der Zusammenarbeit mit den Angehörigen der Fachkreise und medizinischen Einrichtungen; https://www.fsa-pharma.de/wp-content/uploads/2023/05/fsa_kodex_transparenzkodex_2020.pdf
Transparenz sollte jedoch auch eine Art Offenheit sein, für und von der Wissenschaft selbst. Der Begriff Open Science sollte auch in der Pharmabranche angewendet werden, insbesondere um die Erfahrungen der PatientInnen und Pflegenden in die Entwicklung fertiger Medikamente zu integrieren. Dabei geht es nicht um die Verletzung von PatentInnen-Interessen, jedoch z.B. um Verfügbarkeit aller Informationen von durchgeführten wissenschaftlichen Studien.
In einem Artikel in der Die Zeit wurde der argentinische Philosoph Silvio Funtowicz gefragt, wie Nicht-Experten zur wissenschaftlichen Kenntnis (und zu deren Anwendung) beitragen könnten.
S. Funtowicz: „Es wird immer stärker geschehen, das Wissen aus ganz unterschiedlichen Quellen stammen kann. Wir erkennen heute an, dass Fischer und Landwirte für die Praxis relevantes Wissen besitzen, es gibt eine wachsende Zahl von Bürgerwissenschaftsinitiativen. Man könnte nun einwenden, dass den Laien theoretisches Wissen fehlt und sie durch Eigen-interesse voreingenommen sind. Aber genau so kann man den Experten vorwerfen, dass ihnen praktisches Wissen fehlt und sie unbewussten kognitiven Verzerrungen unterliegen- und ebenfalls eigene Interessen haben.“

Abb.: Gemeldete und regestrierte Verdachtsfälle von Nebenwirkungen der Corona-Impfungen in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark; Quelle: A. Joeres, Deutschland meldet im EU-Vergleich weniger potenzielle Nebenwirkungen von Corona-Impfungen. Was bedeutet das für die Impfabwägung der Bürger? Die Zeit 45 (2021) 12-13
Eine weitere Quelle der Beobachtung durch PatientInnen sind das Handling von Verpackungen, die häufig nicht anwendergerecht angeboten werden. Denn neben der Sicherheit der Medikamente sollte auch das Öffnen (z.B. bei Zäpfchen-Plister), Dosieren, (z.B. Augentropfen, Inhalation) oder das Teilen von Tabletten einfach und ohne Verlust an Medikamentenmasse vollzogen werden können. Gerade auf diesem Gebiet sind die Erfahrungen der Anwender von großer Bedeutung für die Entwickler, die ihrerseits oft andere Prioritäten der Funktionalität eines Produktes favorisieren. Diese Probleme sind uns ja aus der IT-Branche (Software-Entwicklung) immer wieder bekannt.
Gerade auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Forschern und Laien aus anderen Klimazonen unsere Erde, mit Biologen, Verhaltensforschern, Zoologen, Botanikern oder Laien mit viel Erfahrungen von Naturphänomen könnten auch die Forschung und Entwicklung von Infektionskrankheiten oder Krankheiten, die über Parasiten übertragen werden, vorantreiben.
Aufgrund des Klimawandels kommt es im Sommer zu lang anhaltenden Hitzewellen, welche eine besondere Herausforderung an die Lagerung von Medikamenten stellt. Fehlende Informationen für PatentInnen und Pflegeeinrichtungen können den Wirkverlust von Medikamenten zur Folge haben. Hier sollte schnellstens eine Anpassung erfolgen, auch unter der Mitarbeit der AnwenderInnen.
Vertrauenskultur: Kann man allen helfen?
Zur Vertrauenskultur der Pharmaindustrie sollten auch neben detaillierten Informationen und angemessener Werbung (siehe Kapitel Vermarkung und Verteilung, Abschnitt Marketing) eben vorallem auch unangemessene Erwartungsaussichten der jeweiligen Therapie durch Medikamente vermieden werden.
Es gilt, ein Nichtwissen dort zuzugeben, wo Therapien und Arzneimittel zur Zeit keinen entsprechenden Heilerfolg bieten können. Die Ethik des Nichtwissens wird beispielsweise vom Philosophen Markus Gabriel wie folgt beschrieben:
„Der Ausgangspunkt der Ethik des Nichtwissens ist epistemische Bescheidenheit, ein Wissen darum, dass unsere Wissensansprüche bezüglich der Natur sowie unsere konkreten Wertvorstellungen und ethischen Urteile fehleranfällig und korrekturbedürftig sind. Diese epistemische Bescheidenheit gründet in unserem Respekt vor dem anderen, das uns immer fremd bleibt.“
Quelle: Makus Gabriel, Der Mensch als Tier; S. 288-292 Ethik des Nicht-wissens; Ullstein (2022).
Ist ein Therapieerfolg immer möglich? Fallbeispiel Migräne
Interview mit Prof. Dr. Hartmut Göbel, Facharzt für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie; Schmerzklinik Kiel:

„Gerade bei Patientinnen und Patienten mit schwerer chronischer Migräne über Jahrzehnte – mit allen damit verbundenen körperlichen, seelischen und sozialen Folgen – stoßen wir immer wieder an Grenzen. Es gibt Gruppen, die schwer zu behandeln sind, bei denen viele Verfahren versucht wurden, ohne den erhofften nachhaltigen Erfolg. Diese Menschen sind häufig über 50 Jahre alt, haben Komorbiditäten, eine lange Medikamentengeschichte – und Komplikationen. Nicht, weil man sie aufgibt, sondern weil es zu wenige spezifische Behandlungsansätze für genau diese Konstellation gibt.
Ich teile die Einschätzung, dass wir uns in Forschung, Praxis und Kommunikation viel stärker differenziert mit solchen Gruppen befassen sollten – und zwar jenseits von pauschalen Empfehlungen. Dass dabei auch ethische Fragen eine Rolle spielen – etwa: Was bedeutet es, wenn wir weiterhin Wirkstoffe empfehlen, deren Nutzen im Einzelfall zweifelhaft ist? Wie kommunizieren wir Therapiegrenzen, ohne Resignation oder falsche Hoffnungen zu erzeugen? – ist völlig richtig.
Wir bemühen uns sehr bewusst darum, Erkrankung nicht zu simplifizieren. Die Realität ist häufig komplexer als es manche Behandlungspfade oder öffentliche Kommunikation vermuten lassen. Besonders bei Migräne, die nach außen hin oft „unsichtbar“ bleibt, ist es wichtig, ehrlich zu sein – und zwar in beide Richtungen: dort, wo es gute therapeutische Optionen gibt, aber eben auch dort, wo sie nicht ausreichen.
Der Gedanke, dass die Forschung hier gefordert ist, sich mehr mit den „vergessenen“ Gruppen zu beschäftigen, ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig. Sie fragen, was mit den Menschen geschieht, denen nicht geholfen werden kann – eine zentrale ethische Frage, die leider im Alltag viel zu selten gestellt wird. Vielleicht ist genau das ein Punkt, an dem Medizin und Ethik wieder stärker miteinander ins Gespräch kommen sollten. Schmerz ist dabei nicht nur eine eindimensionale Variable. Die Integration psychischer, sozialer und medizinischer Dimensionen und auch ein palliatives Begleiten sind wesentliche Bestandteile der Therapie, wenn man von therapierefraktären Verläufen spricht. Schmerz kann nie austherapiert gelten, er betrifft den Kern unseres Erlebens.“
Quelle: Ausschnitt einer unveröffentlichten Anfrage, 2025
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Dual Use
Ursprünglich wurde der Begriff Dual Use für Produkte und/oder Technologien verwendet, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Ethisch wird der Begriff erweitert: die Anwendung kann zu einem moralisch guten und/oder zu einem moralisch bösen (schlechten) Zwecke erfolgen. Gerade die Chemie mit der Synthese und Anwendung von über 300.000 nichtnatürlichen Produkten stehen hier im Fokus.
Wirkstoffe sind entweder zumeist organische „small molecules“ oder biochemische Makroverbindungen (z.B. Peptide). Aufgrund der besonderen Potenz dieser chemischen Stoffe ist eine Anwendung sowohl zum Nutzen der Menschen (und Tieren) als auch eine Anwendung zum Schaden der (oder ausgewählter) Menschen (und Tiere) möglich. Man nennt diese doppelte Anwendung auch Dual Use. Veranschaulicht wird dies im unterem Schema:

Abb. Dual Use zwischen Leben heilen und Tod herbeiführen.
Ein höchst unmoralischer und krimeneller Fall:
Der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko wurde im September 2004 während des Präsidentschaftswahlkampfs in der Ukraine mit einer massiven Dosis 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (TCDD-Dioxin), einem hochgiftigen Umweltschadstoff, vergiftet. Die Kon-zentration in seinem Blut war damals rund 50.000-mal höher als im normalen Bevölkerungsdurchschnitt. Die Symptome waren heftige Magen-Darm-Beschwerden, Rückenschmerzen und eine schwere Chlorakne, die sein Gesicht stark entstellte.
Wissen und Gewissen
Beachte dabei: 1. Prüfe sorgfältig Deine Informations-Quellen und 2. Suche danach zunächst die ehrliche und respektvolle Kommunikation mit Deinen Vorgesetzten.
Weltweit gibt es einen florierenden Handel mit illegal hergestellten Arzneimitteln und Drogen. Dazu gehören Produkte ohne Zulassung durch nationale (wie das BfArM) oder europäische Behörden (wie die EMA), Produkte ohne Sicherheitsprüfungen aus illegaler und unbekannter Herkunft. Sie werden häufig über Online-Anbieter oder andere dubiose Kanäle vertrieben.
Über diese Medikamentenfälschungen und illegalen Produkte hatten wir schon im Kapitel Zulassung, Herstellung und Qualität diskutiert. Wer aber ist dafür verantwortlich?
Fallbeispiel Fentanyl
Seit rund 20 Jahren grassiert in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Opioid-Krise. Begonnen hat sie in Arztpraxen und Apotheken mit legal verschriebenen Schmerzmitteln wie dem Wirkstoff Oxycodon. Mittlerweile geht ein Großteil der Drogentoten in den USA jedoch auf das Konto des Wirkstoffs Fentanyl. Mexikanische Drogenkartelle und chinesische Rohstoffhändler verdienen daran.
Quelle: V. Budinger; Fentanyl – der amerikanische Fluch aus China und Mexiko, Deutsche Apothekerzeitung vom 18.10.2022
Aktuelle Quelle: Zur Opioid-Krise in den USA- Analysen, Lehren und mögliche Auswege;
E. Bemack, U. Holzgrabe; Pharm. Ztg. 28 (2026) 26-33
Seit einigen Jahren nehmen auch in Deutschland Beschaffungen und Beschaffungsversuche Pseudoephedrin-haltiger Arzneimittel in Apotheken mit dem Ziel der illegalen Rauschgiftherstellung zu. Bei den Präparaten, die sowohl in örtlichen Apotheken als auch über Versandapotheken bezogen werden, handelt es sich in erster Linie um Reactine Duo® (120 mg Pseudo-ephedrinhydrochlorid/Tablette) und Rhinopront® Kombi (60 mg Pseudo-ephedrin-hydrochlorid/Tablette). Aus den Fertigarzneimitteln wird der Wirkstoff zurückgewonnen, um daraus illegal das Betäubungsmittel Metamfetamin („Crystal“) herzustellen. Ein wesentlicher Anteil der in Deutschland sichergestellten illegalen Rauschgiftlabore hat diese Vorgehensweise angewandt.
Dual Use im Biotech-Sektor: Chancen und Risiken
Das Problem der doppelten Verwendung in der Biotechnologie umfasst ein breites Spektrum von Materialien und Technologien. Zu den kontrollierten Gütern gehören bestimmte Krankheitserreger (z. B. Bacillus anthracis, Clostridium botulinum), Toxine, genetische Sequenzen, die gefährliche Wirkstoffe produzieren können, Verfahren zum Gen-Editing wie CRISPR-Cas und Geräte wie Fermenter oder Gefriertrockner, die für die illegale Produktion von biologischen Wirkstoffen umfunktioniert werden können. Die Risiken werden durch die zunehmende Zugänglichkeit fortschrittlicher Biotechnologien, die globale Verbreitung von Wissen und die Digitalisierung von Forschungsprozessen noch verstärkt. Diese Entwicklungen stellen neue Herausforderungen für die Ausfuhrkontrollen dar, die traditionell für materielle Güter vorgesehen sind.
Was sind aber Dual Effects?
„Der Traum von einem völlig harmlosen, aber voll wirksamen Mittel sollte nie wieder geträumt werden. Um die alte Weisheit von Paracelsus zu paraphrasieren: Wenn es wirksam ist, dann hat es auch Nebenwirkungen.“
Quelle: K. Ruthenberg; About the Futile Dream of an Entirely Riskless and Fully Effective Remedy: Thalidomide; HYLE – International Journal for Philosophy of Chemistry, Vol. 22 (2016), 55-77.
Dual Effects sind allgemein (Aus)Wirkungen, die neben dem eigentlichen gezielten (also gewollten) Wirkeffekt auftreten, die aber selbst nicht gezielt (und damit nicht gewollt) sind. Dazu zählen in der Pharmazie z.B. Nebenwirkungen von Medikamenten (jede Wirkung hat zumeist auch Nebenwirkungen) oder auch Wechselwirkungen bei gleichzeitiger Einnahme von verschiedenen Wirkstoffen. Diese Dual Effects sind zum Teil so unangenehm und quälend, dass es zu Abbrüchen in den Therapien bzw. zu psychische Folgen bei den PatientInnen kommen kann.
Quelle: N. Schuster, Nebenwirkungen-Mehr Gewicht durch Arzneimittel; Pharm.Ztg. 21 / 2026, 24-30.
Diese Nebenwirkungen/Wechselwirkungen müssen jedoch dem Patient bekannt sein („informed consent“). Die Autonomie des Patienten, frei zu wählen, welche Nebenwirkungen für ihn akzeptabel erscheinen, ist oberstes moralisches Gebot. Moralisch verwerflich wäre es dagegen, wenn man, aus welchen Gründen auch immer, die (oder einige dieser) Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen bewusst verschweigt, oder verharmlost.
Fallbeispiel OxyContin: Mit dem Schmerzmittel OxyContin (Wirkstoff Oxycodon) wurde die amerikanische Pharmafirma Purdue der drei Sackler-Brüder reich. Sie behaupteten wider Wissens, die Suchtgefahr des Opioids OxyContin wäre niedriger als bei allen anderen Schmerzmitteln. Im Ergebnis dessen griffen viele Patienten, die dieses verschreibungspflichtige Medikament nicht mehr bekamen, zu illegalen Drogen (z.B. Heroin) zurück. Tausende Amerikaner wurden so drogenabhängig.

Quelle: H. Buchter; Die Pillendreher; Die Zeit 49 (2017) 36-37.
Zu Dual Effects zählen auch Anwendungsfälle, bei denen Unklarheiten bezüglich der Wirkung und/oder Nebenwirkungen auftreten können.
Ein weiteres Fallbeispiel: Im schon besprochenen Tamiflu-Fall sorgten seltene, aber spektakuläre neuro-psychatrische Nebenwirkungen für Aufsehen. Die FDA recherchierte insgesamt 12 pädiatrische Todesfälle in Japan, wo Tamiflu ungleich häufiger eingesetzt wurde als in anderen Ländern.
Quelle: R. Meyer Tamiflu: Eine unendliche Geschichte um Datentrans-parenz, Deutsches Ärzteblatt 4/2013.
Fallbeispiel Contergan® (1957 Zulassung als Beruhigungs-/Schlafmittel)
Im klassischen Contergan-Fall zeigte sich damals zwar eine gute Wirkung und Verträglichkeit des Medikaments, jedoch kam es bei der Applikation bei Schwangeren zu schweren Fehlbildungen der dann Neugeborenen. Ursache war die teratogene Wirkung eines Enantiomeren im Racemat des Wirkstoffes Thalidomid. Die entsprechenden Prüfverfahren gab es früher noch nicht und wurden erst 1978 eingeführt. Der eigentliche Skandal aber war das Verhalten der Fa. Grünenthal in der Folgezeit des Bekanntwerdens dieser Nebenwirkung.
Dazu äußert sich auch der Philosoph und Chemiker Klaus Ruthenberg aus-führlich in einem Artikel über die ethischen Auswirkungen dieses Falls:
Was lernen wir aus dem Contergan-Fall? (Zitat)
(1) „Neben anderen desinformierenden Aussagen haben die Beamten von Grünenthal keine vertrauenswürdigen Hinweise auf die mögliche Vorgeschichte und die frühe Geschichte dieser bioaktiven Substanz bis zur Gegenwart geliefert. Was wir haben, sind gute Argumente dafür, dass die embryopathische Eigenschaft nicht der einzige pharmako- und toxikodynamische Unterschied zwischen Menschen und (den meisten) Nagetieren ist.
(2) Wie bei anderen einschlägigen Fragen der angewandten Ethik – siehe z.B. den Diskurs über aktive und passive Sterbehilfe – geht es in der Contergan-Geschichte vor allem um Tun und Unterlassen: Das moralisch unentschuldbare Hauptversäumnis der Verantwortlichen von Grünenthal war das fortgesetzte Fehlen von Berichten über Nebenwirkungen sowie andere alarmierende Informationen, die sich aus den Studien des Unternehmens ergeben.
Ihr ebenso moralisch ungutes Handeln bestand in der falschen Darstellung der Fakten gegenüber der wissenschaftlichen Gemeinschaft, den Ärzten und der Öffentlichkeit.
(3) Die embryotoxische Wirkung war eine neue und unvorhersehbare chemische Eigenschaft von Thalidomid; dieser Teil der Geschichte war ein echter Unfall (Unglück) und kein klassischer Folge-Fehler (wie z.B. der katalytische Abbau des stratosphärischen Ozons durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe).
(4) Selten ist ein künstlicher Stoff dem Menschen so nahe gekommen mit einem so gefährlichen, unerwarteten und zugleich vielversprechenden Potential wie Contergan. Doch nicht dem Stoff ist die Schuld zu geben, sondern den Menschen, die halbe Sachen machen.
Abschließend möchte ich kurz auf ein Thema eingehen, das in der vorliegenden Studie noch nicht angesprochen wurde und auch sonst in den Arbeiten zum Thema Contergan nur selten vorkommt. Dieser letzte Punkt berührt einen anderen Aspekt des ethischen Diskurses. Es ist in vielen Institutionen und in der Öffentlichkeit durchaus üblich, Menschen, die mit den beschriebenen Symptomen geboren werden, ein Unglück oder eine Katastrophe zu prophezeien, und diese Menschen werden als „Sorgenkinder“ bezeichnet. Aber ist es nicht selbstverständlich, dass alle Contergan-Betroffenen ein elendes Leben führen und täglich leiden? Es gibt mehrere autobiographische Berichte, die eindrucksvoll zeigen, dass dies nicht der Fall ist. … Bettina Eistel, um nur einen dieser „Conterganer“ zu nennen, hat Psychologie studiert, ist eine sehr erfolgreiche Dressurreiterin mit Medaillen von Europameisterschaften und den Paralympics und ist eine bekannte Fernsehmoderatorin. Es gibt viel Glück und kreative Kraft, und es gibt keinen Grund, das Leben dieser Menschen auf ihre Behinderung zu reduzieren. Wenn es also ein Problem gibt, dann ist es eher ein Problem des gesellschaftlichen Umfelds als ein Problem der „Conterganer“ selbst.“
Quelle: K. Ruthenberg; About the Futile Dream of an Entirely Riskless and Fully Effective Remedy: Thalidomide; HYLE – International Journal for Philosophy of Chemistry, Vol. 22 (2016), 55-77.
Aufgabe: Diskutieren Sie in der Gruppe das Zitat im letzten Abschnitt über das Leben der „Conterganer“, also der von den Nebenwirkungen des Contergan geschädigten und von Geburt betroffenen Menschen.
Nebenwirkungen können derzeit bei verschieden Therapien jedoch auch als relativ kompromisslos gelten, wenn es z.B. um die Anwendung starker Chemotherapeutika geht. Periphere Neuropathien sind z.B. eine lange bekannte Nebenwirkung von Chemotherapien. Einer Studie zufolge behalten vier von zehn Behandelten bleibende Schäden zurück.
Aufgabe: Informieren Sie sich darüber selbstständig in der untenstehenden Literaturquelle.
Quelle: D. Hüttemann; Pharmazeutische Zeitung, 30.01.2025, https://www.pharmazeutische-zeitung.de/neuropathien-bei-vier-von-zehn-patienten-152860/
Vier Bedingungen des Prinzips der Doppelwirkung wollen wir uns merken:
1. Die Gesamt-Handlung selbst muss moralisch gut oder zumindest neutral sein. Es darf keine schlechte Handlung sein, die nur als Mittel zu einem guten Zweck eingesetzt wird.
2. Die negative (schlechte) Wirkung darf nicht beabsichtigt sein. Sie darf nicht der Zweck der Handlung sein, sondern nur eine unbeabsichtigte Nebenwirkung.
3. Die positive Wirkung muss mindestens so groß sein wie die negative Wirkung. Der positive Nutzen der Handlung muss gegenüber den negativen Folgen überwiegen.
4. Die positive Wirkung muss direkt durch die Handlung verursacht werden, nicht durch eine andere Wirkung. Es muss ein direkter Zusammenhang zwischen der Handlung und dem gewünschten positiven Ergebnis bestehen.
Quelle aus: F. Ricken: Allgemeine Ethik. 5. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-17-022583-1,
Sie können diese Überlegungen weiter fortsetzen, zum Beispiel bei der pharmazeutischen Anwendung von (a) Hormonen, (b) Psychopharmaka (Antidepressiva) oder (c) Chemotherapeutika zur Tumortherapie.
Noch aktueller:
Semaglutid (Ozempic® von Novo Nordisk), ein GLP-1-Agonist zur Behandlung von Typ-2-Diabetes, führt zur Gewichtsreduktion, was eine breite Off-Label-Nutzung ausgelöst hat. Die Ozempic-Pens werden im Internet als „Abnehmspritze“ gehandelt, was zu einer massiven Verknappung des für Diabetespatienten wichtigen Arzneimittels geführt hat. Im Juli 2023 wurden zudem Fälschungen bekannt, die Glargin-Insulin statt Semaglutid enthielten. Dies löste massive und lebensgefährliche Unterzuckerungen aus.
Zum Schluss fassen Sie bitte zusammen:
Exkurs Medizinethik
In ethischen Debatten der Medizin stehen oft komplexe Entscheidungen im Raum, die sich nicht mit einfachen Regeln oder festen moralischen Theorien lösen lassen. Um solchen Herausforderungen gerecht zu werden, entwickelten die Moralphilosophen Tom L. Beauchamp und James F. Childress einen medizinethischen Ansatz, der bewusst praxisnah und Kulturen übergreifend anschlussfähig ist: die sogenannte Prinzipienethik. Hier die vier Bestandteile dieser Prinzipienethik:
– Autonomie der PatientInnen als höchstes Ziel
– Nichtschaden als oberstes Gebot von Anwendungen und Therapien
– Wohltun für die, häufig vulnerablen, PatientInnen und
– Gerechtigkeit als Basis einer humanen Gesundheitsversorgung
Quelle: T. Beauchamp, J. Childress (2019) Principles of Biomedical Ethics: Marking Its Fortieth Anniversary, The American Journal of Bioethics, 19:11, 9-12, DOI: 10.1080/15265161.2019.1665402 https://doi.org/10.1080/15265161.2019.1665402
Die Handelnden aus der Pharmaforschung und -industrie sind ebenfalls bestrebt und moralisch angehalten, die Zielgruppe der PatientInnen bei der Linderung und Heilung von Krankheiten bestmöglichst zu unterstützen, daher sind auch sie in ihrer Folgeabschätzung an der Einhaltung der Prinzipienethik mit ihren vier Bestandteilen interessiert.